über Falko1

Prof. Dr. Peter Jochimsen

Falko Windhaus: Hast Du den weissen Rücken gesehen?

Seit nun mehr als zwanzig Jahren bestimmt Falko Windhaus mit seiner Kunst und seinem Organisationstalent die kulturelle Welt unserer Region handfest mit.

 

Wie kann es sein, dass ein Mann aus Cappel (dort 1954 geboren) in unsere Heimat Eingang fand und blieb? Sagen sie uns doch mitunter Kälte, Langeweile und Reserviertheit gegenüber Fremden nach. Die vielen, die Falko kennengelernt haben, wissen etwas über den ursächlichen Zusammenhang. Die adriatische Perle am baltischen Meer Wilhelm Lehmanns ist nicht anders geworden, trotz Fischmarkt und Parkplatznot. Natürlich bleiben Orte und Menschen vorsichtig und empfindlich gegenüber Dazukommenden. Aber sie wissen auch zu erkennen, wann Neue selbst die ersehnte Weltoffenheit mitbringen. Falko hat sicher nicht in dem westfälischen Land erfahren, dass Toleranz notwendige Grundlage für Anstand, Hoffnung und Gemeinsamkeit sind. Es war wohl eher das Leben, das ihm mit Hilfe des notwendigen Antriebes diese ungewöhnlich verbindende Zwischen--menschlichkeit beigebracht hat. Schulen und deren Zwang zur zeitweisen bedingungslosen Unterordnung haben ihn zum Beidhändler gemacht. Und seitdem weiß er, was der kleine private alltägliche Freiraum für das eigene Ich wert ist. Dabei wertet er diesen nicht. Ihm ist es egal, ob dieser mühsam vom Einzelnen gewonnene Raum klein-bürgerlich, künstlerisch oder gar arrogant darstellt. ER gönnt ihn jedem Mitmenschen und freut sich, dass er ihn hier gefunden hat. Mitunter scheint es, als habe Falko Eckernförde ausgesucht, sie beide hätten sich gesucht. So, wie er als Restaurierschüler die handwerklich-künstlerische Ausbildung aufsuchte und konsequent verfolgte. Freude am handwerklichen Detail ließen ihn Sache und Wert im künstlerischen Dialog erfahren. Falko durfte, gebunden an die Wiederherstellung, die Spielformen menschlich-künstlerischen Geschicks erfahren, und bleibt – zunächst zwangsläufig – seinem Ergebnis verpflichtet und erlebt trotzdem den Freiraum der Möglichkeiten.

 

Dass Falko aus der Wiederherstellung und Nacharbeit heraus immer wieder und grundsätzlich zum eigenen Gestaltungsraum vordringen will, versteht sich. So führt ihn sein Weg zur Hochschule für Gestaltung. Immer bereit, etwas für den eigenen Raum zu tun. Zu lernen, zuzuhören, mitzumachen; aber auch immer auf der Hut vor der endgültigen Vereinnahmung. Gestalterisch wie menschlich. Sicher: Seine mitunter straffe, dann wieder gänzlich spielerisch anmutende Komposition von farblicher, räumlicher und figurativer Mitteilung beweist die handwerkliche Grundlage seiner variantenreichen Aus-bildung. Nun wäre das noch nicht Kunst, ohne die immer wieder neue, originelle Verarbeitung des beobachteten und erlebten Straußes von Liebe und Hass und den damit verbundenen Schmerzen. Falko hält uns Spiegel vor, und ist selbst dabei. Er entzieht und überhöht sich nicht, sondern ist unter uns dabei. Ohne Vorhaltung und distanzierte Besserwisserei. Ein Teil und doch mit Perspektive. Natürlich hat seine Beheimatung nicht nur uns, die Menschen um ihn herum, als Ursache. Sicher, Angelika und Jürgen haben ihm ganz am Anfang durch Raum und Unterstützung das Bleiben erleichtert, und viele andere haben gefragt, gestaunt und natürlich auch gekauft.

 

Längst erzählen seine Bilder noch etwas anderes. Hier gibt es das Meer, den Inbegriff der Rhythmen in Geräusch, Farbe und Bewegung; ohne sich je zu wiederholen. Jeder Tag, jede Minute, jedes Jahr ist anders. Und doch bestimmt es uns und ihn. Sucht Falko sein altes Zuhause, aus Verpflichtung oder Neugier, Erinnerung und Verbundenheit, wird ihm die Macht der adriatischen Perle bewusst. Wie kann ein Mensch im Autodreck und –lärm eingeschweißt freiwillig leben? Ohne Wasser und ohne Horizont? Falko wird bleiben und er wird, stetig und kräftig, seine Kunst weiterentwickeln.

 

So wie er in der 3er-Künstlergemeinschaft „Atelier Häute“ für deren Entwicklung und Bestand Sorge getragen hat. Wie er die Ausstellungsreihe im TÖZ (Technik und Ökologiezentrum) ins Leben gerufen hat und dafür national und international renommierte Künstler gewinnen konnte. Wer erinnert sich von denen, die das Glück hatten, dabei zu sein, nicht mit Begeisterung an die Retrospektive Hannes Harrs zu dessen 70sten Geburtstag? Oder die Treppenhausgalerie im Kaufhaus Mohr. Ohne Falko hätten sie, die Künstlerkollegen und der Nachwuchs, nicht diese tollen, wohlorganisierten Ausstellungs-möglichkeiten. Und dann die zweijährige Ausstellung im Gut Möhlhorst oder die Gemeinschaftsausstellung im Schuch-Speicher. Immer eingebunden in ansprechende und anspruchsvolle Musik, Literatur, Diskussionen und mitunter auch kulinarische Angebote. Falko scheut in dieser Arbeit für andere keine Mühen. Alles stimmt im Detail und passt zu einander. Zuverlässig und immer wieder neu. Die Ausdrucks-möglichkeiten aller Felder wie Form, Farbe, Musik und sogar Information werden liebevoll und konsequent im Interesse der interessierten Öffentlichkeit und der Protagonisten eingerichtet. Nicht zuletzt dieser Ideenreichtum auf den Nachbarfeldern seiner eigentlichen Arbeit und seine Verständnisbereitschaft und Zuverlässigkeit haben ihm vor einigen Jahren den heute noch ausgefüllten Lehrauftrag an der Fachhochschule Kiel eingetragen. Es scheint, als brauchte Falko diese Arbeit für andere, um in seiner eigenen Kunst weiter zu kommen, sich zu entwickeln.

 

Manch einem hat er mit dieser zwischenmenschlichen Leidenschaft aus der Patsche geholfen. Falko kann zuhören, und er ist ganz sicher nicht so geboren worden. Diese Bereitschaft und Fähigkeit bringt ihm Material und Grundlage für seine Kunst und ist doch immer auch Arbeit, weil anstrengend und nicht immer froh machend. Wer das Bild „Der gute Rat“ von ihm kennt, seine handfesten, kräftigen Darstellungen der Unauswegbarkit menschlicher Natur, im Positiven wie Negativen, sieht, der fragt sich unweigerlich, woher die Begeisterung und zugewandte Emotion für leichte, schwebende, mitunter dahinfliegende Farbkompositionen kommen. Eine Freundin von ihm sagt: „Ich wollte ein Bier mit ihm trinken, habe aber vorher durch die Scheiben der Ratshalle geschaut. Der weiße Rücken war nicht da. Schade!“ Das ist die Antwort. Falko tut etwas für unsere Verständigung und hilft auf die Sprünge.  Vielleicht bekommt er auch etwas zurück. Durch die neue Heimat, den Ort, wo jemand zu Hause ist, uns die kleine Stadt, das Meer, die Luft und unseren, für ihn und seine Kunst mitunter notwendigen kleinen Wahnsinn.